Schachnation Armenien

                                  Sergei Movsesian hat gut lachen, erzielte er doch den "goldenen" vollen Punkt in der letzten Runde für Armenien

Die Armenier sind ein Phänomen. Nach 2006 und 2008 nun bereits die dritte Goldmedaille innerhalb von sechs Jahren. Und dabei jedes Mal das Überteam aus Russland hinter sich gelassen, auch wenn es diesmal denkbar knapp war. Aber ich denke, man kann zu Recht sagen, dass die Armenier ein wenig Glück hatten. Nicht nur, dass Russland in der neunten Runde gegen USA verliert, wobei Grischuk das Endspiel Turm, Läufer gegen Turm nicht halten kann. Sondern auch das Match gegen uns, gegen Deutschland. Ich glaube, ich war nicht der einzige, der zwischendurch an einen Sieg unserer Jungs (klingt ein wenig seltsam, wenn ich das als 20jähriger sage, oder?) glaubte. Doch dann verlor Arkadij Naiditsch das remise Endspiel und Georg Meier hatte einen Aussetzer, der ihm vielleicht einmal in 100 Partien passiert. Da wird einem (oder mir jedenfalls) wieder die Grausamkeit im Schach bewusst. Ein Zug, nur ein einziger Zug, kann über den Ausgang des gesamten Turniers entscheiden.

Genug geschwafelt, zurück zum Wesentlichen. Die Lage vor der Schlussrunde war klar: China, Russland und Armenien punktgleich und China nach Zweitwertung vorne. Jetzt zählten nur noch Siege. Während Russland gegen Deutschland und Armenien gegen Ungarn ihre Matches jeweils gewinnen konnten, zerstörte Ukraine die chinesischen Träume von der ersten Goldmedaille bei einer Olympiade. Besonders brutal ging dabei Veteran Vassily Ivanchuk zur Sache, seht selbst:

Damit besiegte die Ukraine China mit 3-1 und hievte sich noch auf das Bronzepodest. Die gesamte Tabelle und auch alle weiteren nützlichen und nicht so nützlichen Informationen hier.

Nochmal zur Ausgangsfrage zurück, was macht die Armenier so stark? Natürlich gibt es da verschiedene Faktoren. Mit Levon Aronian hat das Team einen herausragenden Einzelkönner am ersten Brett, der auch bei dieser Olympiade wieder in mehreren Matches den Unterschied zwischen Unentschieden und Sieg ausmachte. Außerdem spielt das Team schon lange zusammen; Aronian, Akopian und Sargissian vertraten schon 2006 bei der Olympiade in Turin die armenische Flagge. Und zu guter Letzt hat Schach in Armenien einen ganz anderen Stellenwert als z.B. hierzulande und dementsprechend ist die Motivation für die Spieler umso höher. In Armenien wird dieses Team wie Rockstars gefeiert. Bei ihrer Rückkehr jetzt nach Jerewan werden sie in einem offenen Wagen durch die Stadt zum Regierungsgebäude fahren, wo sie dann vom armenischen Präsidenten empfangen werden. Kein Witz! Wenig überraschend, dass Movsesian vom tschechischen zum armenischen Schachverband gewechselt ist :)

Am Mittwoch steht übrigens meine erste Partie in der U.S. chess league an, ich kann es kaum erwarten. Man kann das Spektakel live verfolgen und zwar ab 2 Uhr (Donnerstag morgens) deutsche Zeit auf dem Fritzserver.