UMBC Champion

Einen schöneren Hintergrund konnte ich nicht finden

Mein erstes Turnier in den Staaten und gleich der erste Sieg. Meine Güte, bin ich stolz. Also, dieses Wochenende fand auf dem Campusgelände die Universitätsmeisterschaft im Schach statt. Es wurden fünf Runden an zwei Tagen gespielt. Moment, fünf Runden an zwei Tagen? Samstag drei, Sonntag zwei, willkommen in Amerika :) Und damit willkommen in der Welt der Kuriositäten des amerikanischen Schachs. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Jeder Spieler bringt sein eigenes Schachset und die Uhr mit zum Turnier. Ich, komplett nichtsahnend, hatte natürlich weder noch und war somit ein wenig von meinen Mitstreitern abhängig. So kam es z. B. in Runde 3 dazu, dass mein Gegner noch genüsslich seine Chicken-Wings-Portion verzehren konnte, während ich auf ihn wartete. Als er dann fertig war und wir 20 Minuten später anfingen, wurde jeweils von unserer Startzeit 10 Minuten abgezogen. Fair enough, oder? Also merke: Wer die Uhr hat, hat die Macht!

Kommen wir mal zum Turnier, bevor ich mich endlos über solche doch im Prinzip belanglosen Lappalien auslasse. Die ersten zwei Runden konnte ich siegreich gestalten, aber in der dritten kam ich gegen den oben bereits genannten Chicken-Wings-Verzehrer in Schwierigkeiten:

Selzler - Huschenbeth UMBC Championship

Schwarz am Zug

Die Eröffnung war eigentlich gut gelaufen, aber irgendwo hatte ich den Faden verloren und fand mich nun in dieser recht betrüblich aussehenden Stellung wieder. Tatsächlich könnte Schwarz hier auch glatt aufgeben, hätte er nicht den wunderschönen Konter 37...Lxc2!, der gerade so funktioniert. Mein Gegner spielte 38.Kb2 (38.Dxc2 führt zum Remis: Df4+ 39.Kb1 [nicht Dd2 Tc8+!] Dxg4 40.Tf1 Tf8 41.Dd3 Dg2 42.Tf2 Dg1+ 43.Tf1=), was aussieht wie ein Ausheber, aber wiederum kann ich mich auf magische Weise retten: 38...Lf5 39.Lxf5 Dc3+! Die Pointe. 40.Dxc3 bxc3+ 41.Kxc3 gxf5. Das entstandene Turmendspiel ist ausgeglichen; dennoch bekam ich noch die Chance zum Sieg, vergurkte es aber wieder - remis.

Dementsprechend war ich mit dem ersten Tag natürlich nicht so zufrieden, vor allem weil ich zu dem Zeitpunkt noch glaubte, dass das Turnier eloausgewertet würde. So stand es jedenfalls in der Ausschreibung, aber wie mir am nächsten Tag erklärt wurde, muss das nichts heißen. Damit kommen wir zu einem weiteren Kuriosum des Turniers, der Schiedsrichter. Ich weiß nicht, ob Schiedsrichter hier in den Staaten ein besonders Standing haben, aber dieser schien sich auf jeden Fall so zu fühlen. Wenn er im Turniersaal mit jemanden sprach, dann jedes Mal mit lauter Stimme. Auf den dezenten Hinweis eines Spielers, er möge bitte leiser sein, folgte die Erwiderung: "Ich bin der Turnierdirektor, ich darf so laut sprechen wie ich möchte." Leider konnte er seinen Mangel an Empathie auch nicht mit Kompetenz aufwiegen. Als der Gegner von Sabina Foisor in der dritten Runde zwischendurch mal kurz sein Handy zückte, um ein paar SMS zu schreiben, war seine Reaktion: "Ah Leute, hab ganz vergessen euch zu sagen, bitte benutzt eure Handys nicht während der Partie." Währenddessen hörten mehrere Spieler (über ihr Handy) Musik mit Kopfhörern. Naja, vielleicht sehe ich das auch alles ein wenig zu engstirnig...

Übrigens wundert es mich, dass Sebastien Feller nicht reihenweise Turniere in den USA spielt. Er würde sich hier fühlen wie im Paradies.

Zurück zum Schach. Beflügelt durch die Nicht-Eloauswertung konnte ich in der vierten Runde einen recht ungefährdeten Sieg einfahren. In der fünften sollte es dann zum Showdown kommen und zwar gegen IM Tegshsuren Enkhbat, der auch 3,5/4 Punkte auf dem Konto hatte. Wer dieses Duell gewinnt, gewinnt das Turnier. Ironischerweise sollte gerade diese Partie die leichteste für mich im Turnier werden, nach 17 Zügen und ca. 1,5 Stunden war alles vorbei:

Huschenbeth - Enkhbat UMBC Championship

Endstellung

In dieser Stellung gab Schwarz auf und das auch völlig zu Recht. Selbst mit dem Rochaderecht, was Schwarz schon verloren hat, wäre die Stelliung schlecht; so ist sie völlig hoffnungslos. Zum Beispiel 17...Dc7 18.Df3 und aus.

Soviel von meinem ersten Turnier in den USA, ich hoffe es werden noch viele folgen :)