2994

 mit dem Universitäts-Präsidenten Freeman Hrabowski

It's been a while! Mein erstes Semester in den Staaten neigt sich dem Ende zu und ich komme endlich mal wieder dazu, etwas zu schreiben. Eigentlich hatte ich geplant, zwischendurch über mein Turnier über Thanksgiving in Philadelphia zu berichten, aber nach dem Turnier war mir dann nicht mehr so danach :) Hier eine kleine Kostprobe, weshalb:

Huschenbeth - Smith National Chess Congress

Weiß am Zug gewinnt

Manchmal ist es einfacher, als man denkt: 26.Txa7 und der Computer zeigt bereits +3, z.B. Tb7 und nun 27.Sxe7! Kxe7 28.Txb7 Dxb7 29.Dxd6+ Kd8 30.gxf6 und Weiß gewinnt. Ich dagegen spielte direkt 26.Sxe7, was nur zum remis führt: Kxe7 27.Txb5 Dxb5 28.Dxd6+ Kd8 29.gxf6 Da4! das hatte ich noch gesehen, aber ich verpasste die Idee, dass nach 30.De7+ Kc7 nun zum Beispiel auf 31.f7 sehr stark Kb8 folgt und Schwarz hat zu starkes Gegenspiel. Deshalb musste ich mich mit einem Dauerschach begnügen.

Das Turnier war insgesamt recht stressig, zwischen Schlafen, Essen und Schachspielen konnte man kaum mal Luft holen. Wir reisten am Freitag an und fuhren am Sonntag wieder weg, drei Tage nonstop Schach. Jede der sechs Partien startete zu einem anderen Zeitpunkt und bevor man zu einem richtigen Rhythmus gefunden hatte, war das Turnier auch schon wieder vorbei. Wiederum bemerkte ich, dass die amerikanische Herangehensweise an Schachturniere sich deutlich von der europäischen unterscheidet. Es wird alles deutlich lockerer genommen. Die meisten Tische waren bei Spielrundenbeginn noch leer, da die Spieler ja das Spielmaterial selbst mitbringen. Und auch das Einkassieren und Eingeben der Partieformulare wird nicht sonderlich ernst genommen. Bin gespannt, ob sich meine Partien von dem Turnier in der Datenbank wiederfinden werden :)

Blick nach London

Anand und Carlsen bei der Analyse

2994. Das ist die astronomisch hohe Elo-Performance, die Magnus Carlsen bei dem gestern beendeten Turnier in London erreichte. Da mir selbst mittlerweile die Superlativen ausgehen, lasse ich mal den Ex-Weltmeister Vladimir Kramnik sprechen, der darauf angesprochen, dass er nun wieder die Nr. 2 der Weltrangliste ist, meinte: "Unter den Menschen bin ich ja eigentlich die Nummer eins. Denn Magnus spielt nicht wie von dieser Welt."

Tatsächlich gewinnt Carlsen wie von Zauberhand, aber es scheint vor allem seine Zähigkeit oder auch Geduld zu sein, die den Unterschied ausmacht. Die Durchschnittszügeanzahl seiner Partien bei dem Turnier liegt bei 57, was ziemlich hoch ist. Das liegt daran, dass Carlsen auch ausgeglichene Partien immer weiter spielt und oftmals dann noch den vollen Punkt einkassiert, wie beispielsweise in der ersten Runde gegen McShane. Selbst in der letzten Partie, als er den Turniersieg schon sicher hatte und ein Remis gegen den Weltmeister sicher nicht das schlechteste Ergebnis gewesen wäre, spielte Carlsen bis zum Schluss. Seine meiner Meinung nach beste Partie gelang ihm gegen Judit Polgar:

Carlsen - Polgar London Chess Classics

Schwarz am Zug

Das ist so eine der Stellungen, wo die ganze Magie des Carlschen Spiels zum Ausdruck kommt. Zwei weiße Bauern hängen, aber Carlsen hat es so eingefädelt, dass sein Spiel, in Form der Idee Sg4 nebst Sh6+, gefährlicher ist. Polgar entschloss sich zu 32...Sxe5 33.Lxe5 Dxe5. Nun kommen Carlsen's Figuren zur Entfaltung: 34.Sg4 Td6! 35.Sh6+ Kg7 36.Txf7+ Kh8 und nun 37.Df2. Polgar entschied sich nun mit Dd4 ins Endspiel zu gehen, aber auch das konnte sie nie wirklich von dem Druck befreien. Gegen Ende der Partie sah es so aus:

Völlige Dominanz. Weder der schwarze König noch der Turm oder Springer können in irgendeiner Art aktiv werden. Die Partie dauerte auch nicht mehr lange an.

Der einzige, der Carlsen im Turnier richtig unter Druck setzen konnte und der am nähesten dran war ihn zu besiegen, war Vladimir Kramnik. Eine schöne Kombination spielte Kramnik in der fünften Runde:

Kramnik - McShane London Chess Classics

Weiß am Zug

An dieser Stelle opferte Kramnik seine zweite Qualität mit 31.Txd4! und leitete einen starken Angriff ein: exd4 32.Sxf5+ Kf8 33.Dh6+ Ke8 34.Lxf7+! Kd8 (34...Kxf7 35.Dg7+ Ke6 36.Sxd4+ wird auch nicht gut enden für Schwarz) 35.Dg7 Tf8 36.Sxd4! (siehe Diagramm)

Weiß möchte nun zur ultimativen Familiengabel auf e6 ansetzen. McShane verhinderte es zwar mit 36...Tc6, aber Kramnik sollte keine größere Mühe mehr haben, den Sieg einzufahren.

Alle Partien, Bilder und die Tabelle des Turniers lassen sich hier finden. Ich werde mich sicherlich bald nochmal mit einem Wrapup über mein ganzes Semester melden. Bis dahin :)