Autobiographie

Als ich mit fünf Jahren Schach erlernte, hätte ich mir wohl kaum träumen lassen, dass ich mich 15 Jahre später immer noch mit dem selben Eifer dem Spiel widme. Mein Vater brachte es mir bei, weil ich immer meine Spielzeugautos schön symmetrisch in Reih und Glied aufstellte. Und wenn er gerade nicht konnte, war ein alter Holzschachcomputer mein Gegner.

Bei meiner weiteren Entwicklung dürfen folgende Personen nicht unerwähnt bleiben: Markus Wegner, Dennis Johannsen und Hendrik Schüler. Markus Wegner war ein engagierter Vater an der Grundschule Turmweg, der eine Schach-AG gründete und mich und viele weitere Erst -und Zweitklässler zum ersten Turnier geleitete, den Hamburger Jugendeinzelturnieren, kurz HJET. Dort wurde dann Dennis Johannsen auf mich aufmerksam, der mich zum Schachklub Johanneum Eppendorf brachte und mein erster richtiger Trainer war.

Beim SKJE besuchte ich nun regelmäßig die Spielabende, wobei ich oftmals einer der jüngsten war. Der Vereinsvorsitzende Hendrik Schüler nahm mich unter seine Fittiche und betreute mich bei meinem ersten richtig großen Turnier, den deutschen Jugendmeisterschaften U10. Mit dem 19. Platz konnte ich schon recht zufrieden sein.

Bald darauf lernte ich beim Hamburger Kadertraining Wolfgang Pajeken kennen, der für lange Jahre mein Trainer und freundschaftlicher Berater sein sollte. Pajeken war es zu verdanken, dass ich schon in jungen Jahren Erfahrungen bei IM-Turnieren sammeln durfte. Außerdem organisierte er regelmäßig Zweikämpfe mit stärkeren Spielern von denen ich sehr profitierte. Laut seiner Ansicht, und diese Ansicht teile ich, bringt einen nichts weiter voran, als permanent gegen stärkere Gegner zu spielen und mit ihnen zu analysieren.

Meinen persönlichen Durchbruch schaffte ich 2005 bei den deutschen Jugendmeisterschaften U14. Mit Eröffnungsguru Jan Gustafsson als Vorbereiter wurde ich mit einem Punkt Vorsprung das erste Mal deutscher Meister. Durch meinen Sieg qualifizierte ich mich für die Weltmeisterschaft, bei der ich nach elf Runden auf dem 18. Platz landete. Ein passables Ergebnis, aber ich hatte mir mehr erhofft. Im nächsten Jahr sah es dann sehr gut aus bei der WM. Ich war das ganze Turnier vorne dabei und hätte mit einem Sieg in der letzten Runde Weltmeister der Altersklasse U14 werden können. Aber meine Nerven versagten, ich spielte schlecht, verlor und wurde Siebter.

2006 beschloss ich, vom SKJE zum Hamburger Schachklub zu wechseln, dem größten Schachverein in Deutschland. Dort gab es das bessere Trainingsumfeld und auch die Möglichkeit in der ersten Bundesliga zu spielen. Tatsächlich durfte ich gleich Anfang 2007 debütieren und schaffte mit einem Remis gegen den 400-Elo stärkeren Mihail Krasenkow einen guten Einstand.

Im Oktober 2007 stand mein erstes großes internationales Turnier bevor, der europäische Team-Cup, analog zu der Champions League im Fußball. Der HSK hatte sich durch einen zweiten Platz in der Bundesliga qualifiziert und ich durfte dabei sein. Ich erwischte ein unglaublich gutes Turnier und erzielte eine Großmeister-Norm. Im selben Monat gewann ich noch ein IM-Turnier im HSK, was eine weitere IM-Norm bedeutete. Zusammen mit einer Norm aus dem Vorjahr und der GM-Norm hatte ich nun alle Kriterien für den Titel des Internationalen Meisters erfüllt, den ich dann 2008 verliehen bekam. Im gleichen Jahr, mittlerweile 16 Jahre alt, hatte ich meine ersten Einsätze für Deutschland in der Nationalmannschaft. Erst im Sommer beim Mitropa-Cup (Mitropa steht für Mitteleuropa) und dann im November bei der Schacholympiade in Dresden im Jugend-Olympia-Team. Deutschland durfte als Gastgeber mehrere Teams ins Rennen schicken.

2009 war ein Jahr der Stagnation; die Schule und das nahende Abitur rückten in den Vordergrund. Nachdem die schriftlichen Prüfungen Anfang Februar 2010 geschafft waren, spielte ich wieder und startete bei den deutschen Meisterschaften der Herren auf Setzplatz 16. Das Turnier hatte ich bereits zweimal mitgespielt, aber 2006 mit dem 34. und 2008 mit dem 16. Platz keine Bäume ausgerissen. Diesmal jedoch sollte es anders laufen. Nach verhaltenem Start (1,5 Punkte aus den ersten drei Runden) konnte ich aus den restlichen sechs Partien 5,5 Punkte holen und wurde Deutscher Meister. Zusätzlich erzielte ich meine zweite GM-Norm. Für mich lag der Grund des Erfolgs in meiner Einstellung. Fünfmal lehnte ich ein Remisangebot ab, unter anderem auch in der letzten Runde. Diese Einstellung zum Kämpfen bekam ich von Pajeken eingeimpft, der mir zwei Sachen lehrte: 1. ist Spielen das beste Training und von einem schnellen Remis kann man sich nichts kaufen und 2. gibt es meistens auch in ausgeglichenen Stellungen immer noch genug Spielraum und Möglichkeiten Fehler zu machen. Allerdings natürlich auch für einen selbst, deshalb ist das Ablehnen des Remis immer mit einem Risiko verbunden.

Zur Belohnung durfte ich im September das zweite Mal für Deutschland bei der Schacholympiade antreten. Mit zwei unglücklichen Niederlagen am Schluss, an denen ich auch nicht ganz unschuldig war, beendeten wir das eigentlich ordentliche Turnier auf dem 64. Platz. Direkt danach hieß es ab zur Bundeswehr in die zweimonatige Grundausbildung. Ich hatte mich im Vorfeld für die Sportfördergruppe beworben und musste nur noch die Grundausbildung bestehen, um in diese aufgenommen zu werden. Gesagt, getan, nach zwei anstrengenden Monaten hatte ich es geschafft. Meine Aufgabe als Sportsoldat war es nun, Deutschland möglichst gut in internationalen Wettbewerben zu repräsentieren.

Mein erstes Ziel war es nun endlich den verflixten GM-Titel zu erlangen, den höchsten aller Titel im Schach. Das Jahr 2011 startete gut für mich, denn gleich beim ersten Turnier des Jahres, einem Großmeister-Turnier im HSK, konnte ich eine weitere Norm erzielen. Jetzt fehlte nur noch eine, aber die ließ lange auf sich warten. Erst im Oktober beim Mitropa-Cup war es dann soweit. Mit einer geschlossenen starken Mannschaftsleistung gewann Deutschland das Turnier und ich endlich meine letzte GM-Norm. Seit dem 6. Februar 2012 darf ich mich nun Großmeister nennen.

Vielleicht aufgrund der Euphorie, endlich dieses große Ziel erreicht zu haben, konnte ich zwei weitere Turniererfolge in 2012 feiern. Zum einen kam ich auf den geteilten ersten Platz beim Norderstedter Oster-Open und zum anderen konnte ich zum zweiten Mal nach 2010 das St. Pauli-Turnier in Hamburg gewinnen. Seit August 2012 studiere ich nun Psychologie an einer Universität in Baltimore in den Vereinigten Staaten.

Ich glaube, warum ich dem Schach so lange treu geblieben bin, ist neben dem Erfolg auch die Tatsache, dass es immer noch etwas Neues zu entdecken gibt, egal wie lange man schon spielt oder welche Spielstärke man hat. Die möglichen Kombinationen sind schier unendlich, bereits nach zwei Zügen gibt es 70.000 mögliche verschiedene Stellungen. Dadurch ist Schach natürlich unheimlich komplex und niemand auf der Welt kann von sich behaupten, er hätte Schach völlig durchdrungen und verstanden. Daneben erfreue ich mich auch einfach an der Ästhetik des Spiels, an besonders ausgefeilten Manövern oder verblüffenden Mattkombinationen. Generell stand für mich eigentlich immer der Spaß und die Freude am Spiel im Vordergrund und das halte ich auch für sehr wichtig. Erfolg ist die eine Sache, aber wer einen Sport nur wegen des Erfolgs betreibt, ist meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt.

 

Niclas Huschenbeth                                            Hamburg, 16. Januar 2013