Wenn der Blitz zweimal einschlägt

Es ist ein seltenes Spektakel, dass ein taktischer Schlag in einer Partie nicht einmal, sondern zweimal an der selben Stelle einschlägt und das auch noch mit der selben Figur. Das berühmteste Beispiel eben dieses Motivs wurde vor über 100 Jahren gespielt und zwar bei einem Kandidatenturnier, dessen Sieger den Weltmeister herausfordern konnte. Der amerikanische Spitzenspieler Harry Pillsbury lag zu dem Zeitpunkt der Partie in Führung und spielte gegen den amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker, der wohl mitspielte, weil es zu dieser Zeit nicht viele Topturniere gab.

Pillsbury - Lasker St. Petersburg 1896

 

Schwarz am Zug

Hier entkorkte Lasker den absoluten Hammer 18...Ta3!! mit der Idee die weiße Königsstellung aufzureißen. Der Turm muss früher oder später geschlagen werden (sonst bedient sich Schwarz mit anhaltender Attacke auf a2) und Schwarz erhält starken Angriff.

Aber Lasker spielte nicht ganz genau und nach Fehlern auf beiden Seiten entstand folgende Stellung:

Schwarz am Zug

Lasker hatte bereits den ersten Turm auf a3 geopfert und jetzt opfert er auch den zweiten! 26...Txa3!! und Schwarz steht auf Gewinn. Weiß spielte erst 27.De6+ Kh7 und schlug jetzt den Turm auf a3, aber das führt forciert zum Matt; 28.Df5+ wäre zäher gewesen, denn dann gewinnt nur Kg8 29.De6+ Kh8!. 28.Kxa3 Dc3+ 29.Ka4

29...b5+! das hatte Pillsbury vielleicht übersehen; jetzt wird der König noch weiter rausgelockt und dann erlegt: 30.Kxb5 Dc4+ 31.Ka5 Ld8+ 32.Db6 Lxb6++

Pillsbury konnte diese Niederlage nie psychologisch verarbeiten: er beendete das Turnier lediglich als Dritter und starb zwei Jahre später.

Gestern wurde in der Wijk aan Zee B-Gruppe eine Partie gespielt, die mich sehr an die eben gezeigte erinnerte. Hätte Brunello doch besser im Schachgeschichtsunterricht aufgepasst...

Muzychuk - Brunello Tata Steel Challengers 2014

Weiß am Zug

Wir sehen eine Stellung aus der Spanisch-Abtauschvariante und etwas ungewöhnlich für dieses Abspiel greifen hier beide Seiten den gegnerischen König an. Weiß kann direkt zum Angriff übergehen und spielte stark 21.Sxc6! Schwarz schlug klugerweise nicht (bxc6 22.Dxa6+ Kd7 (Kb8 Se5 ist direkt vorbei) 23.Sd4 Ke7 24.Dxc6 mit anhaltender Attacke für Weiß) und spielte 21...g4, wonach die Stellung nach wie vor unklar war. Wenig später kam folgende Stellung aufs Brett:

 Weiß am Zug

Schwarz hatte gerade seine Dame von e8 nach e5 gezogen, ein schöner aktiver Zug. Aber eine Sache hatte er dabei vernachlässigt und zwar das Feld c6. Und wie auch in der Lasker-Partie macht hier der zweite Blitzeinschlag dem Gegner den Garaus. 29.Sc6! Schwarz spielte noch De8 (bxc6 Dxa6+ Kb8 Dxa2 mit Angriff auf Turm g8 und Idee Ta1 hilft auch nicht), aber nach 30.Dh3+ musste er aufgeben. Denn 30...Le6 würde einfach mit Td8+ Dxd8 Dxe6+ beantwortet werden.

Beide Turniere, das Master und das Challenger, in Wijk aan Zee sind nun zuende gegangen und fanden jeweils sehr souveräne Sieger. In der A-Gruppe dominierte Levan Aronian nach Belieben und sein Sieg wird nur durch seine Schlussrundenniederlage ganz leicht getrübt. In der B-Gruppe spielte Ivan Saric das Turnier seines Lebens - er verlor keine Partie und gewann mit 10/13 und 1,5 Punkten Vorsprung. Ein deutscher Spieler war bei dem gesamten Festival dabei und zwar in der A-Gruppe Arkadij Naiditsch. Es lief nicht so doll für ihn, aber mit zwei Schlussrundensiegen kam er noch zu einem versöhnlichen Abschluss. Ich habe hier seine beste Partie analysiert:

Achja, ich hatte vor ner Woche auch noch eine klasse Partie aus dem B-Turnier mir angeschaut, hier ist der Link:


Alle Partien sowie den Turnierendstand und alles weitere könnt ihr auf der Tata Steel-Website nachlesen. Bis bald!