Wien - Gibraltar - Berlin (1)

Vom 20. Januar bis zum 5. Februar war ich auf Achse und besuchte dabei zwei Hauptstädte und eine kleine Stadt an der Südspitze der Iberischen Halbinsel – Gibraltar. Dieser kleine Trip war dazu gedacht, mir zu zeigen, wo ich im Moment schachlich stehe. Und bei einem Ergebnis von 6,5/14 Punkten und einer Performance knapp unter 2400 Elo muss ich offen zugeben, irgendwo scheint ein Rädchen noch nicht ganz ins andere zu greifen. Abseits des Schachlichen gab es allerdings wenig zu meckern. Bei meinem Debüt in der österreichischen Liga in Wien erlebte ich ein perfekt organisiertes Wochenende mit einem wunderschönen Spielsaal. Im 19. Stock des Tech Gate-Gebäudes in ca. 80 Meter Höhe wurde man durch einen tollen Blick über Wien ständig von der eigenen Partie abgelenkt. Vielleicht war das der Grund, warum ich auch nur 0,5/3 Punkte an Brett 1 für mein Team SIR Bernhard Glatz holte. Dennoch vielen Dank an Stefan Löffler, der diese Veranstaltung auf die Beine gestellt hat!

In Gibraltar wurde das Turnier bei den Abschlussreden der Siegerehrung als „the best open tournament in the world“ gepriesen und dem möchte ich mit wenigen Abstrichen gerne zustimmen. Jedenfalls bekommt man kaum woanders die Gelegenheit, mit einem Dutzend 2700-Spielern in einem Raum zu spielen und vielleicht sogar mal gegen einen gelost zu werden. So spielte ich in der Tat bei dem Turnier gegen meinen ersten 2700er überhaupt und was für einen! Schwarz gegen Shrayikar Mamedyarov hieß es in der fünften Runde, im täglich aktualisierten Liverating ist er zurzeit die Nr. 12 der Weltrangliste. Letztlich war es eine recht klare Angelegenheit, wobei ich gegen Ende eine Möglichkeit zum Ausgleich leider ausließ. Aber allein die Chance zu haben, gegen einen 2700er zu spielen, macht das Turnier selbstverständlich hochattraktiv. Daneben ist die Landschaft mit dem Affenfelsen auf der einen Seite und dem offenen Meer auf der anderen natürlich auch sehr ansehnlich. Schließlich waren die akzeptablen Temperaturen um 15 Grad Celcius eine schöne Abwechslung zum Winter in Deutschland. Das einzige, was ich zu bemängeln hatte, war der Spielsaal. Zum einen konnten nicht alle in einem Raum spielen und zum anderen gab es leichte klimatische Probleme. Die Klimaanlage ließ sich entweder voll aufdrehen oder gar nicht, was zur Folge hatte, dass man manchmal ein wenig fröstelte und viele Spieler in dicken Pullovern plus Jacke herumliefen. Hingegen ohne Klimaanlage wurde es schnell stickig und warm. Aber das sind natürlich Nuancen, die meinen insgesamt sehr positiven Eindruck kaum schmälern konnten.

Schiendorfer-Huschenbeth Howell-Shirov, Polgar-lebende Legende

 Ein wenig was zu meinem Turnier muss ich wohl sagen, da komm ich nicht drum herum befürchte ich. Meine einzige vernünftige Partie gegen einen starken Gegner produzierte ich in Runde Vier, gegen die englische Nr. 4 David Howell. Direkt nach der Partie habe ich ein Video aufgenommen:

Nach der Niederlage gegen Mamedyarov kam in der sechsten Runde der Knicks in meinem Turnier. Nach über 7,5 Stunden verlor ich gegen einen klar schwächeren Gegner, obwohl ich zwischendurch mehrmals klar besser bis auf Gewinn stand. Für mich war die Ursache klar: ich war zu siegessicher, dachte, ich würde das schon irgendwie nach Hause schaukeln. Aber das ist vermutlich einer der schwersten Fehler, den man im Schach machen kann. Wenn man die Partie im Kopf schon abhakt, ist man niemals hundertprozentig bei der Sache. Und das ist einfach absolut erforderlich, wenn man gewinnen will. Leider brauchte es noch eine weitere Partie dieser Art, um diese Sache ein für alle mal in meinen Kopf zu hämmern. In der 8. Runde konnte ich meinen Gegner direkt aus der Eröffnung überspielen und stand mit Schwarz nach 20 Zügen bereits klar besser. Aber wieder wurde ich nachlässig und unkonzentriert, verpasste den direkten Gewinn und patzte dann in Zeitnot, wo die Stellung aber eh nur noch remis war. Nach späteren Fehlern meines Gegners war die Stellung dann sogar noch mal remis, aber ich war bereits jenseits von Gut und Böse und verlor wiederum nach sieben Stunden. Nach zwei solchen Niederlagen war mein ansonsten recht stabiles Nervenkostüm schon ein wenig angekratzt, dennoch schaffte ich es irgendwie, wenigstens noch die letzten beiden Runden zu gewinnen und das Turnier so halbwegs zu retten.

Hou Yifan, Siegerin der Herzen

Turniersieger Nigel Short

Gewonnen hat das Turnier übrigens Nigel Short, der in Gibraltar regelmäßig zu Hochform aufläuft. So hat er bei fünf Teilnahmen zwei erste und drei zweite Plätze zu Buche stehen. Das nenn ich mal ne Quote! Der eigentliche Überflieger bzw. die Überfliegerin des Turniers war allerdings Hou Yifan, die zwischendurch vier 2700er in Folge wegputzte und vermutlich selbst bald in diese Zonen vorstoßen wird.

So, Zeit zum Ende zu kommen. Also, ich kann das Turnier nur jedem empfehlen und hoffe, in den nächsten Jahren wieder dabei zu sein.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei der Firma AstraTech bedanken, die meine Turnierteilnahme finanziell abgesichert hat. Eine solche Unterstützung ist ja im Schach alles andere als selbstverständlich. Und zu guter guter Letzt noch eine kleine Aufgabe für euch:

Huschenbeth,N - Valhondo,M Gibraltar-Open 2012

 

Weiß am Zug